Matthäus Wenzlik
29. April 2026

Title

Vom Code zum Kakao

Wie ein Marathon, ein Urvolk und ein Stück Wildheidelbeere FrohNat erschaffen haben.

Der Anfang

Es ist früh am Morgen, irgendwo in einer kleinen Küche in Berlin-Wilmersdorf. Auf der Arbeitsplatte: Walnüsse, Datteln, eine Schüssel mit eingeweichten Cashewkernen, Kokosöl, Zitronen, Ahornsirup. Daneben, fast übersehen, ein Paar Laufschuhe, deren Sohlen abgelaufen sind von Kilometern, die längst nicht mehr zu zählen sind. Es riecht nach Kakao, nach gerösteten Nüssen, nach Anfang.

 

Wer den Mann an dieser Arbeitsplatte beobachtet, sieht keinen Konditor. Nicht im klassischen Sinn. Er trägt keine weiße Kochjacke, hat keine Lehrjahre in einem Sterne-Restaurant hinter sich. Was er hat, ist eine Tabelle von Quartalszahlen im Hinterkopf, ein Bachelor und ein Master aus einem dualen Studium, und die Erinnerung an viele Stunden, in denen er bei PayPal in Berlin den umsatzstärksten Bereich Europas verantwortet hat. Wer ihn beobachtet, sieht jemanden, der gerade dabei ist, sein Leben um neunzig Grad zu drehen.

 

Was er tut, hat 2017 einen Namen bekommen: Raw Power. Heute heißt es FrohNat. Und dazwischen liegt eine Reise, die weit mehr ist als eine Markennamen-Korrektur.

Hessen, Kühlbox, Gaskocher

Der Anfang dieser Geschichte liegt nicht in Berlin. Er liegt im ländlichen Kreis Gießen. Aufgewachsen mitten in Hessen, lernt er früh, was Bodenständigkeit bedeutet. Während andere Studenten ihre Vorlesungen besuchen und im Sommer kellnern, wählt er den anderen Weg: ein duales Studium. Drei Jahre Bachelor, zwei Jahre Master berufsbegleitend. Fünf Jahre, in denen Theorie und Praxis nicht getrennt voneinander existieren. Der Praxisteil findet in einer Produktions- und Vertriebsgesellschaft statt — in einer Branche, die kaum unromantischer klingen könnte: Camping-Artikel. Kühlboxen, Gaskocher, Thermoflaschen. Doch genau hier, zwischen Lieferterminen und Einkaufsverhandlungen, lernt er das Handwerk, das ihm später den entscheidenden Vorsprung geben wird. Was kostet ein Produkt wirklich? Wie kommt es vom Hersteller in die Hand des Kunden? Was bedeutet Qualität, was bedeutet Marge — und wann fängt man an, beides gegeneinander zu verrechnen?

„Damals war mir noch nicht klar, dass ich später einmal selbst produzieren und verkaufen würde. Aber der Grundstein wurde dort gelegt."

Irland, eBay, der digitale Geldfluss

Nach dem Master geht er ins Ausland. Irland. Erst eBay, dann PayPal — zwei Schwesterunternehmen, die zu dieser Zeit noch dasselbe Headquarter teilen. Es sind die Jahre, in denen der digitale Zahlungsverkehr zum Alltag wird, in denen Käufer und Verkäufer auf der ganzen Welt Vertrauen in unsichtbare Zahlen lernen müssen.

 

Er wechselt von dort weiter in den Bereich Cybersecurity. Seine Aufgabe: die Integrität des Internets schützen. Händler-Webseiten überwachen. Transaktionsbetrug bekämpfen. Mit Werkzeugen, die heute selbstverständlich sind, damals aber noch als „frühe künstliche Intelligenz" galten — Mustererkennung in einem Datenstrom, der zu groß für menschliche Augen geworden war.

 

2015 holt ihn PayPal nach Berlin. Wilmersdorf, neues Büro, neuer Auftrag: Aufbau einer neuen Operations für Deutschland. Als Senior Account Manager verantwortet er den umsatzstärksten Bereich, den PayPal in Europa hat. Es ist, gemessen an klassischen Karriere-Maßstäben, ein Höhepunkt. Teamgröße, Verantwortung, Gehalt — alles stimmt.

 

Und doch fängt genau in diesem Jahr etwas an, sich zu verschieben.

Berlin schmeckt nach allem

Berlin überschüttet ihn mit Vielfalt. Wer in Wilmersdorf, in Kreuzberg, in Neukölln durch die Straßen geht, riecht in einem Block äthiopische Berbere-Mischungen, im nächsten libanesisches Za'atar, im übernächsten sudanesischen Erdnusseintopf. Die Stadt ist das Essensmekka Deutschlands, ein kulinarisches Welttheater, in dem sich jede Küche der Erde eine Bühne nimmt.

 

Parallel zu dieser Sinnesflut beginnt eine zweite Bewegung: Er läuft. Marathons. Dann Ultramarathons. Distanzen, bei denen der Körper irgendwann anfängt, ehrlicher zu werden als jeder Kalorienzähler. Wer hundert Kilometer am Stück läuft, weiß sehr genau, was er gegessen hat. Und vor allem: was er nicht hätte essen sollen.

 

In dieser Phase fällt ihm eine Lücke auf, die er zunächst nicht in Worte fasst, aber spürt. Zwischen all den exotischen Geschmacksrichtungen, den Foodtrends, den Bowls und Bio-Cafés gibt es etwas, das fehlt: ein Dessert, das wirklich rein ist. Das man nach einem Lauf, nach einer langen Bürowoche, nach einem fordernden Tag essen kann, ohne den Beipackzettel zu lesen. Etwas, das aus der Natur kommt — und in der Natur bleibt.

„Da gab es fast nichts. Nichts, das gleichzeitig ehrlich, nährstoffreich und kompromisslos natürlich war."

2015: Eine Idee zieht ein

Die Lücke wird zum Auftrag. Ab 2015 beginnt er — neben dem Vollzeitjob bei PayPal — Rezepte zu testen. Walnüsse und Datteln zu einem Boden zu pressen. Cashewkerne einzuweichen, mit Kokosöl, Zitrone, Früchten und einem Schuss Ahornsirup zu einer Creme zu verbinden. Mehr nicht. Keine Stabilisatoren, keine Aromen, keine Konservierungsstoffe.

 

2017 trägt das Ganze einen Namen: Raw Power. Es klingt nach dem, was es ist: Rohkost mit Wirkung. Auf den ersten Messen — VeggieWorld, Heldenmarkt, Lebensfreude, Rohvolution — stellt er sich hinter einen kleinen Stand und probiert das Wichtigste, was ein Gründer in dieser Phase probieren kann: das Gesicht des Kunden beim ersten Bissen.

 

Doch nach einer Weile merkt er, dass Raw Power an die falsche Tür klopft. Der Name erinnert an Eiweißpulver, an Fitnessstudios, an glänzenden Stahl und Trinkflaschen. Was er aber wirklich machen will, ist etwas anderes.

 

Es soll fröhlich machen.

 

So entsteht FrohNat. Ein Wort, das auf den ersten Blick wie ein erfundener Markenname klingt, in Wahrheit aber ein kleines Rätsel mit drei Antworten ist. Froh — weil das Dessert jedem ein Lächeln ins Gesicht zaubern soll. Roh — versteckt im Wort, eine Erinnerung an den natürlichen Zustand der Produkte. Nat — Natur. Im Englischen auch nut, Nuss. Ein Name, der atmet, was die Marke werden will: eine Frohnatur, die in der Natur zuhause ist.

Brasilien, 2021: Die Stille zwischen den Bäumen

Wenn man ihn fragt, ob es einen einzelnen Schlüsselmoment gab, einen klaren Punkt, an dem aus der Idee eine Entscheidung wurde, dann zögert er. Es waren viele Momente, sagt er. Aber einer wirkt nach.

 

2021 reist er nach Brasilien. Er verbringt Zeit mit zwei Urvölkern. Tagelang weit weg von Quartalszielen, Conversion Rates, Push-Benachrichtigungen. Zwischen Bäumen, die älter sind als jede Holding. In Gesprächen, in denen die wichtigste Maßeinheit nicht Geld ist, sondern Aufmerksamkeit.

 

Was dort passiert, lässt sich schwer in einen Powerpoint-Bullet übersetzen. Aber er findet später Worte dafür: Das Leben ist ein Geschenk. Der eigenen Passion zu folgen, ist ein Privileg. Es ist nicht der eine dramatische Augenblick, sondern eine leise, präzise Einsicht: Die Zeit hier ist begrenzt. Die Frage ist nicht, ob man sie nutzt. Die Frage ist nur: wofür.

„Mir wurde klar — ich will Mehrwert schaffen. Etwas, das Menschen wirklich etwas bringt. Nicht einer Provision hinterherlaufen, nicht das nächste digitale Produkt per DocuSign abschließen, sondern etwas erschaffen, das einen ehrlichen Impact hat. Aus der Fülle des Herzens, nicht aus dem Mangel."

Drei Desserts, eine Philosophie

Heute, viele Jahre nach der ersten kleinen Berliner Küche, gibt es FrohNat-Produkte in den Kühlregalen großer Partner — vom Europa-Park bis zu Edeka. Die Linie ist überschaubar geblieben, mit Absicht.

 

Schoko DessertX. Blaubeer DessertX. Mango DessertX. Drei Sorten, eine Philosophie. Der Boden besteht aus zwei Zutaten: Walnuss, Dattel. Die Creme aus Cashewkernen, Kokosöl, Zitrone, der jeweiligen Frucht und einem Schuss Ahornsirup. Mehr nicht. Was so reduziert klingt, ist in Wahrheit die schwierigste Variante: Wer nichts versteckt, muss auf jeder Stufe Qualität liefern. Die Zutaten kommen, wo immer möglich, aus nachhaltigen Projekten.

„Es handelt sich um 100 % Natur. Und nichts ist besser als die naturbelassene Natur."

Sein Lieblingsprodukt? Die Wildheidelbeere. Nicht, weil es das raffinierteste ist. Sondern, weil hier alles begann. 2015. Damals, in der kleinen Küche, mit den ersten Versuchen, mit dem ersten „Schmeckt!" eines Messekunden, der sich über die Reinheit wunderte.

Der lange Weg eines Pioniers

Was die meisten unterschätzen: Der Weg eines Gründers ist selten kurz. Schon gar nicht, wenn man die Branche wechselt. Vom digitalen Zahlungsverkehr in die Lebensmittelproduktion zu springen, ohne klassische Ausbildung, bedeutet, fast jedes Stück Branchenwissen neu zu erarbeiten. Hygienevorschriften. Haltbarkeit. Logistikketten für Frischeprodukte.

Verpackungsregularien. Lieferantenstrukturen. Kalkulationsgrundlagen für ein Produkt, das nicht in Bits, sondern in Gramm gemessen wird.

"Ich war Quereinsteiger im klassischen Sinne. Es gab keinen vorgezeichneten Pfad. Jeder Schritt war ein Stück Neuland."

Genau das ist es, was er heute, wenn er auf die Reise zurückblickt, als das eigentliche Geschenk versteht. Eine Firma aufzubauen, ist die eine Übung. Sich selbst dabei zu begegnen, eine andere.

 

„Diese Reise ist viel mehr ein Lehrer, mich selbst kennenzulernen", sagt er. „An mich zu glauben. An die Vision zu glauben. Und an das Produkt zu glauben."

Was bleibt: Eine Einladung

Wer FrohNat heute begegnet — im Edeka-Regal, am Stand im Europa-Park, auf einer Messe — bekommt ein Dessert in die Hand. Walnüsse, Datteln, Cashewkerne, Früchte. Mehr nicht. Was er aber, wenn er einen Moment länger hinschaut, in der Hand hält, ist mehr als ein Lebensmittel.

 

Es ist ein kleines Stück einer Haltung. Die Überzeugung, dass Genuss und Gesundheit keine Gegensätze sind. Dass unverarbeitete Lebensmittel keinen Verzicht bedeuten, sondern eine andere Form von Qualität. Dass roh und froh näher beieinanderliegen, als die Werbeindustrie glauben machen will. Und es ist eine Einladung an alle, die ihrer eigenen Idee gerade noch nicht trauen.

„Keine Karriere der Welt und kein Geld der Welt bringt so viel Erfüllung wie das, was man tut, weil man es nicht bereuen will, nicht getan zu haben."

Ein Pionier zu sein, sagt er, ist ein besonderer Weg. Vorauszugehen. Aus Ideen etwas Unfassbares zu machen. Fernab vom Konventionellen. Es ist erfüllend — und es ist möglich. Auch für jene, die heute noch eine Tabelle mit Quartalszahlen vor Augen haben und ein Paar abgenutzter Laufschuhe in der Ecke. Sie wissen vielleicht noch nicht, wofür diese beiden Dinge zusammen stehen. Bei FrohNat steht das Resultat im Kühlregal. Drei Sorten. Eine Mission.

 

Und alles begann mit einer Schale Wildheidelbeeren.

Probieren Sie Desserts dort, wo Natur drin ist
und Herz dahinter steht.

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